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Katharina Blencke-Dörr

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23.04.2018

Friedrich Christian Delius

Die Zukunft der Schönheit

Im Mai 1966 steht der zukünftige Büchner-Preisträger Friedrich Christian Delius noch am Anfang seiner literarischen Laufbahn. Gerade hat er an der legendären Tagung der Gruppe 47 in Princeton teilgenommen, und der Besuch eines Club-Konzerts des großartigen Saxophonisten Albert Ayler und seiner Band mit zwei befreundeten Liebhabern des Free Jazz in „Slugs‘ Saloon“ in Manhattan soll den Abschluss seines USA-Aufenthalts bilden.

Diese musikalische Grenzerfahrung setzt in dem zunächst abgestoßenen, dann faszinierten jungen Autor einen außerordentlichen Prozess in Gang: In der wilden, die konventionellen Hörgewohnheiten bewusst überreizenden Musik scheinen für ihn die Zerrissenheit und Gefährdungen einer ganzen Epoche auf; gleichzeitig konfrontiert ihn sein aufgewühlter innerer Zustand mit der Erinnerung an entscheidende Erlebnisse und Gefühlserfahrungen seines bisherigen Lebens und öffnet ihn für die existentielle Erkenntnis, dass aus Wildheit, Chaos und Umbruch schließlich eine dynamische Entwicklung hin zu Neuem, auch zu einer wahrhaftigen Kunst, werden kann.

„Ganz entspannt hörte ich hin, das Trommelfell vibrierte von den pieksenden, stechenden Tonfolgen, vom Blöken und Krähen, vom Grunzen und Quieken und Stöhnen des Saxophons und von witzigen melodischen Einschüben. Ohne Vorbehalte nahm ich die Musik in mich auf und fand es fast normal, wie sie Gewohnheiten und Erwartungen sprengte und vorführte, wie schön oder wie schrägschön die durch die Luft fliegenden Trümmer, Splitter, Scherben funkeln und klingen konnten.“

Erst so viele Jahre später konnte Delius auf ungeheuer beeindruckende, poetische Weise über diese so wichtige Erfahrung schreiben, denn „ich ahnte erst nach Jahren oder Jahrzehnten, welchen Ritus der Initiation ich an diesem 1. Mai 1966 in Slugs‘ Saloon in der 3. Straße erlebt hatte.“

Rowohlt Berlin, 16,00 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-7371-0040-3

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05.02.2018

Arno Geiger

Unter der Drachenwand

 

1944, ein kleines Dorf im österreichischen Salzkammergut, das heißt wie der See, an dem es liegt: Mondsee. Die Drachenwand steht als schroffer Fels über allem, bedrohlich und doch auch wie ein Schutzschild. Der 24jährige Veit Kolbe, ein angehender Schriftsteller, gelangt als „mittelschwer“ verletzter Soldat von der Ostfront zur Erholung an diesen scheinbar friedlichen, abgelegenen Ort. Er leidet unter nur langsam verheilenden Wunden, schlimmen Angstattacken und an dem bitteren Gefühl, seit fünf Jahren an dem heißersehnten Studium in einem friedlichen Umfeld gehindert zu werden.

Auch in der österreichischen Provinz ist der schon verlorene und dennoch scheinbar endlos weiter wütende Krieg mehr oder minder deutlich spürbar: Feindliche Bomberverbände passieren die Gegend auf ihrem Weg zu fernen Großstädten; in einem Kinderheim wohnen landverschickte junge Mädchen; Veits Zimmernachbarin ist mit ihrem kleinen Kind aus dem durch Bomben bedrohten Darmstadt geflohen. Alle versuchen, die Zeit bis zum Frieden so gut wie irgendwie möglich unter schwierigen materiellen Bedingungen und unter der misstrauischen Aufsicht der örtlichen unbelehrbaren Funktionsträger zu verbringen…

Arno Geiger vermittelt dem Leser durch einen mehrperspektivischen Blick auf das Leben dieser Dorfgemeinschaft im letzten Kriegsjahr einen Eindruck vom individuellen Überleben angesichts einer existentiellen, allgemeinen und allumfassenden Bedrohungssituation: „… wie könnte sich das angefühlt haben im fünften, sechsten Kriegsjahr zu leben“ (Geiger in einem Interview mit dem Deutschlandfunk Kultur)? Auf diese Frage hat man wohl noch nie eine so beeindruckende, überzeugende, literarisch brillante Antwort erhalten wie in diesem außerordentlichen Roman.

(Katharina Blencke-Dörr)

 

Hanser Verlag, 26,00 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-446-25812-9

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06.11.2017

Uwe Timm

Ikarien

Deutschland, Im Frühling 1945: Als amerikanischer Offizier kehrt der Emigrant Michael Hansen in sein Geburtsland zurück. Er hat einen besonderen Auftrag, der ihn nach München führt: Durch ausführliche Befragungen des deutschen Oppositionellen Wagner soll er herausfinden, wie aus dessen ehemaligem engen Freund Alfred Ploetz, der ursprünglich ein überzeugter Kommunist und leidenschaftlicher Utopist war, der Begründer der Rassenhygiene wurde.

Hansen – und mit ihm der zunehmend gefesselte Leser - tauchen durch Wagners lebendige, sehr persönliche Erzählungen tief in die deutsche Geistesgeschichte zwischen Marxismus, urkommunistischen deutschen Gemeinschaften in den USA und aufkommenden nationalsozialistischen Ideen und Vorstellungen ein. Wichtige Protagonisten dieser zeithistorischen Zusammenhänge werden in ihrem Denken und Wirken vorgeführt.

Der großartige Erzähler Uwe Timm fügt seiner literarischen Auseinandersetzung mit deutscher Zeitgeschichte und deren Bedeutung für zeitgenössische Lebensentwürfe und Schicksale in diesem opus magnum einen gewichtigen Beitrag hinzu: eine Darstellung der Entwicklung von abstrusen „rassenkundlichen“ Vorstellungen und Theorien im Zusammenhang mit dem sogenannten „lebensunwerten“ Leben, die schließlich zur „Euthanasie“ im nationalsozialistischen Deutschland führten.

(Katharina Blencke-Dörr)

 

 

Kiepenheuer & Witsch, 24,00 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-462-05048-6

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14.08.2017

Martin Osterberg

Das kalte Haus

„Ich bin ein Arschloch. Ich weiß das aus allererster Hand. Mein Vater hat es mir gesagt. Der soll ruhig wissen, hat er zu seiner Frau, meiner Mutter gesagt, dass er ein Arschloch ist. Er hat auf meiner Couch gesessen, in meinem Wohnzimmer, neben meiner Frau. Er hat mich angeschaut, als hätte er bloß festgestellt, dass das Wetter auch schon mal besser war. Er hat nicht gelächelt, er hat sich nicht entschuldigt, er hat nichts weiter gesagt. Ich habe auch nichts gesagt. Ich habe gedacht: Ja, du auch.“
Mit diesem Paukenschlag, sozusagen einem Hieb in das Gesicht des Lesers, beginnt Martin Osterbergs beeindruckender, bedrückender Bericht über seine „unglückliche Kindheit in einer heilen Familie“ – so der Untertitel des unter Pseudonym veröffentlichten Buches.


Von außen betrachtet ist diese Familie tatsächlich das, was man eine bürgerliche, stabile, eine typische bundesdeutsche Durchschnittsfamilie nennt, aber hinter den sorgfältig gehüteten Kulissen spielt sich eine Tragödie ab, die den Autor für sein Leben prägen und permanent bedrängen wird: Der autoritäre, herrschsüchtige, materialistische, leistungsorientierte Vater und die passive, überforderte und engstirnige Mutter sorgen für ein kaltes, klaustrophobisches Klima und eine permanent bedrückende, von emotionaler Distanz und Desinteresse geprägte  Atmosphäre, unter der der Autor und sein jüngerer Bruder zu leiden haben. Am Beispiel zahlreicher Begebenheiten aus Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter zeichnet Osterberg ein anschauliches Bild dieser Zustände, die für die von der traumatisierten Kriegskindergeneration gegründeten Familien sicher nicht untypisch sind. Erst als er selbst Liebe erfährt und wahrhaft zu lieben lernt, löst sich ein Teil der negativen Spannung auf. Und es gelingt ihm, gemeinsam mit seiner Frau für die beiden Töchter ein so ganz anderes Familienleben aufzubauen…


Dass man einer belastenden Kindheit und den negativen Prägungen durch das Elternhaus nur sehr schwer entkommen kann, verdeutlicht beispielhaft dieses für Väter, Mütter, Söhne und Töchter  lesenswerte Buch.

(Katharina Blencke-Dörr)

 

Piper Verlag, 20,00 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-492-05789-9

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06.06.2017

Christoph Hein

Trutz

Berlin, 20er Jahre: Der angehende Schriftsteller Rainer Trutz kommt aus der Provinz in die brodelnde Metropole, um seine Träume von einer freien Künstlerexistenz zu verwirklichen. Tatsächlich gelingen ihm schon bald erste Erfolge als Romanautor und parteipolitisch unabhängiger linker Kulturjournalist, aber die Verfolgungsmaßnahmen des nationalsozialistischen Regimes zwingen ihn und seine Frau ins Moskauer Exil, wo sie schon bald die Repressionen des Stalinismus zu spüren bekommen: Beide sind gezwungen, aus politischen Gründen unter bedrückenden und physisch schwierigen Bedingungen ihren kargen Lebensunterhalt zu verdienen, statt ihrer Qualifikation entsprechend zu arbeiten.


Die Freundschaft mit dem Sprachwissenschaftler Waldemar Gejm und seiner Familie bedeutet jedoch Freude und Sicherheit trotz aller Sorgen und Bedrängnisse. Gejm forscht zur Mnemonik, der Kunst des Erinnerns, die Methoden und Übungen entwickelt, um die Gedächtnisleistung systematisch zu verbessern. Ihr Ziel ist es, alle Gedächtnisinhalte sicher und zeitlich unbegrenzt speichern zu können. Die beiden eng befreundeten Söhne der Familien, Maykl und Rem, beginnen schon im Kleinkindalter mit den Trainingseinheiten und werden zu Gejms Meisterschülern.


Doch während des Zweiten Weltkriegs wird auch diese relativ stabile Lebenssituation unter schwierigen Bedingungen auf tragische Weise zunichte gemacht. Und die beiden Freunde Rem und Maykl, die in der DDR und in der UdSSR sehr unterschiedliche berufliche und persönliche Erfahrungen machen, sollen sich erst Jahrzehnte später wiedersehen…


Der große Erzähler Christoph Hein hat einen beeindruckenden, berührenden und zudem außerordentlich informativen Roman über das Schicksal zweier  Familien in einem von Ideologien und Gewaltherrschaft bestimmten Jahrhundert geschrieben.

(Katharina Blencke-Dörr)

 

 

 

Suhrkamp Verlag, 25,00 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-518-42585-5

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20.03.2017

Schimmang, Jochen

Altes Zollhaus, Staatsgrenze West

Gregor Korff hat sich gleich in mehrfacher Hinsicht zur Ruhe gesetzt: Nach dem Ende seines Berufslebens  finanziell unabhängig durch einen zurückliegenden Bestseller-Erfolg bewohnt er ein abgelegenes renoviertes Zollhaus an der deutsch-niederländischen Grenze. Der einzige echte menschliche Kontakt des misanthropisch en Einzelgängers besteht zu einem pensionierten Zöllner. Meist bestimmen Ereignisse und Begegnungen aus seiner bewegten Vergangenheit seine Gedankenwelten.

Doch dann gerät er nach und nach wieder unter die unterschiedlichsten Menschen: Er schließt Bekanntschaft mit einem ehemaligen Spion, der auf der holländischen Seite der Grenze lebt und ein besonderes Projekt verfolgt. Er erhält über Nacht Besuch von zwei Kindern auf der Flucht, die ihm bei  ihrem heimlichen Aufbruch am Morgen ein ganz besonderes Geschenk hinterlassen. Und er lernt über seine Leidenschaft für Filme ein junges Paar kennen, mit dem ihn unerwartet viel verbindet. Schließlich besucht ihn noch ein Freund aus alten Tagen. Und es stellt sich heraus, dass „der alte Spinner vom Zollhaus“, der zwischenzeitlich nur noch in seinen lebhaften und überaus aktiven Träumen wirklich lebendig zu sein schien, zwischen all diesen so verschiedenen Menschen regelrecht auflebt und in eine wohltuende, heilsame Bewegung gerät…

Edition Nautilus, 19,90 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-96054-035-9

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30.01.2017

Michael Krüger

Das Irrenhaus

„Zum ersten Mal in meinem Leben wollte ich mich mit Hingabe langweilen.“ Mit diesem vielversprechenden Satz beginnt Michael Krügers neuer Roman „Das Irrenhaus“. Das kann nicht gut gehen – ahnt der Leser, auch angesichts des Buchtitels. Und tatsächlich gerät der ehemalige Archivar und infolge einer Erbschaft wohlhabende Neubesitzer eines Münchner Mietshauses in seiner Situation als unerkannter Mitbewohner im eigenen Haus in eine mehr als unkomfortable, ärgerliche Situation: Überaus eigenartige und aufdringliche Hausbewohner setzen dem Ruhebedürftigen auf unterschiedlichste Weise zu. Zudem erhält der verschollene ehemalige Bewohner seiner Wohnung, ein Schriftsteller, weiterhin sonderbare Post, deren vereinnahmender Wirkung sich der neugierige Protagonist nicht entziehen kann: Mehr und mehr schlüpft er in dessen Rolle und gerät dadurch ins Visier einer verwirrten Frau, die ihn (bzw. den tatsächlichen Autor) beschuldigt, ein Plagiator zu sein. Diese zunächst eher abstrakte Bedrohung seiner gesicherten Existenz wird schließlich konkret und zwingt ihn, der das passive Beobachten und Erleiden gewohnt ist, zum Handeln…


Michael Krüger erzählt diese Außenseiter-Geschichte, die reich ist an grotesken Gesprächsszenarien und genauen Beobachtungen menschlicher Schwächen und Eigenheiten, hinreißend komisch und unterhaltsam. Ein Fest für Liebhaberinnen und Liebhaber geistreicher und satirisch grundierter Erzählungen aus dem Kulturbetrieb.

Katharina Blencke-Dörr
 

Haymon Verlag, 19,90 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-7099-7252-6

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