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Cornelie Steidel

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06.05.2019

Allan Jenkins

Wurzeln schlagen

Ein Jahr im Garten auf der Suche nach mir selbst.

Im Alter von fünf  Jahren bekommt der Autor Allan Jenkins ein Samentütchen mit Kapuzinerkresse von seinem Pflegevater geschenkt. Dieses Erlebnis ist der erste Anstoß zu einer lebenslangen Leidenschaft für Pflanzen und das Gärtnern.
Allerdings ist das Heranwachsen für Allan alles andere als einfach. Seine Mutter gibt ihn bald nach der Geburt zur Adoption frei und er wächst in Heimen und Pflegefamilien auf. Die Pflegeeltern, die einige Jahre ein Gefühl für Familie vermitteln, müssen Allan und sein Bruder Christopher in der Pubertät wieder verlassen- erneut sind sie heimatlos.

Heute lebt Allan Jenkins, Jahrgang 1954, als erfolgreicher Journalist und Herausgeber mit seiner Familie in London. Fast täglich verbringt er seine freie Zeit auf einem kleinen Stück Land, der Parzelle 29 einer Londoner Kleingartenkolonie, die er sich mit Freunden teilt. Ein Gartentagebuch gibt Zeugnis von Aufenthalten und nachbarschaftlicher Hilfe.

Der Untertitel des Buches “Ein Jahr im Garten auf der Suche nach mir selbst”, das auf persönlichen Erfahrungen des Autors basiert, deutet jedoch darauf hin, dass es nicht nur ums Gärtnern geht. Eingestreut sind Rückblicke auf ein schwieriges Leben, immer auf der Suche nach der eigenen Herkunft, die von bitteren Enttäuschungen begleitet wird. Erst als erwachsener Mann trifft er seine leibliche Mutter wieder, stößt auf weitere Kinder seiner Mutter und macht schließlich sogar seinen Vater ausfindig. So spannend und ergreifend die schmerzlichen Recherchen beschrieben sind, so wunderbar sind die Gartenseiten für den Leser. Im Garten kann der Autor seine Gedanken ordnen und seine belastende Vergangenheit  leichter ertragen. Das Stück Land spendet Trost und das Blühen wird detailliert und mit großer Hingabe beschrieben. Es ist ein Glück mit bloßen Händen in der Erde zu graben und das Licht zu verschiedenen Tages- und Jahreszeiten zu erleben. Der Garten ist ein Zufluchtsort für Allan Jenkins, wo er seine Ängste und seine Einsamkeit überwinden kann.

Ein schönes Buch, das sicher nicht nur Gartenliebhaber berührt.

(Cornelie Steidel)

 

Rowohlt Verlag, 20,00 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-498-03226-5

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18.02.2019

Kai Wieland

Amerika

Schauplatz des Romans ist der fiktive Ort Rillingsbach im Schwäbischen Wald. Auch wenn das Dorf ziemlich klein und etwas heruntergekommen ist, gibt es noch ein Gasthaus.  Der Schippen, ein ehemaliges Nobelhotel, wurde vom Großvater der heutigen Wirtin Martha erbaut und lange betrieben. Inzwischen ist es zu einer einfachen Dorfkneipe geworden. Über dem Tresen hängt eine verblichene amerikanische Flagge und am Tresen sitzen außer Martha meistens nur drei Stammgäste: Alfred, Hilde und Frieder. Eines Tages mischt sich unter diese vier alten Leute ein sogenannter “Chronist”, ein junger Mann, der ohne Namen bleibt  und aufschreibt, worüber sie reden. Der Chronist gibt vor, ein Buch verfassen zu wollen.

Bei den im Schippen Bier und Jacky-Cola trinkenden Dorfbewohnern werden, angeregt durch die Anwesenheit des neuen Kneipengastes, viele Erinnerungen wach, die vor allem um die Generation ihrer Eltern in der Kriegs- und Nachkriegszeit kreisen. Viele Geschichten sind schon oft erzählt worden, einige wenige wohl das erste Mal. Es geht um die amerikanische Besatzung nach dem Krieg, um Nazis und Altnazis, um Kopfschlächter, um eine Reise nach Amerika, um die wilden sechziger Jahre… Manches ist Dorfklatsch, aber auch manches dunkle Geheimnis wird gelüftet.

Doch wie diese mündlichen Erzählungen zusammenfügen? Wie verändern sich die Geschichten, wenn sie wieder und wieder erzählt werden? Wie prägt die Vergangenheit die Gegenwart? Auf diese Fragen kann der Chronist keine befriedigende Antwort finden, am Schluss gibt er auf. Die vielen, zum Teil skurrilen Ereignisse aus Rillingsbach lassen sich nicht zu einer schlüssigen Chronik zusammenfügen.

Aber trotzdem sind die einzelnen Reden der im Schippen Versammelten wirklich spannende, unter die Haut gehende Episoden, die zudem keinerlei Dorfromantik aufkommen lassen, Erinnerungen die einem manchmal über den Kopf wachsen, wie an einer Stelle gesagt wird. In einem klassischen, aber eigenen Stil verfasst, sind sie ein beeindruckendes Romandebut des 1989 in Backnang geborenen Autors, der 2018 für dieses Buch den Thaddäus-Troll-Preis erhalten hat.

(Cornelie Steidel)

 

 

Klett-Cotta, 20,00 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-608-96261-1

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19.11.2018

Michael Ondaatje

Kriegslicht

“Im Jahr 1945 gingen unsere Eltern fort und ließen uns in der Obhut zweier Männer zurück, die möglicherweise Kriminelle waren.” - So lautet der erste Satz des neuen Romans von Michael Ondaatje, der in England der Nachkriegszeit spielt. Tatsächlich werden der vierzehnjährige Nathaniel, der auch der Icherzähler der Geschichte ist und seine um zwei Jahre ältere Schwester Rachel in London zurückgelassen. Die Eltern erklären, dass sie aus beruflichen Gründen ein Jahr nach Singapur übersiedeln werden.

Ein geheimnisvoller Mieter im elterlichen Haus, genannt der Falter und dessen exzentrische Freunde kümmern sich von nun an um die Jugendlichen. Bald merken die Geschwister, dass ihre Eltern sie belogen haben, und ihnen etwas vorgemacht werden soll. Im Keller stoßen sie auf den Überseekoffer, der für die angebliche Fernreise gepackt worden war. Vom Vater gibt es kein Lebenszeichen und die Mutter taucht ab und nur hin und wieder in der Ferne flüchtig auf.

Erst vierzehn Jahre später - die Mutter ist tot, der Vater bleibt verschollen - beginnt Nathaniel den Spuren der Eltern nachzugehen und erfährt, dass die Mutter als Agentin des britischen Geheimdienstes tätig war. Rückblickend versucht er die Geheimnisse der Familiengeschichte zu entwirren, was nur zum Teil gelingt. Vieles bleibt bruchstückhaft und im Halbdunkel, nur spärlich beleuchtet durch das titelgebende “Kriegslicht”. - “Wir ordnen unser Leben dank kaum näher ausgeführter Geschichten. Als hätten wir uns in einer verwirrenden Umgebung verlaufen und sammelten nun, was unsichtbar und unausgesprochen war” sagt Nathaniel am Ende des Buches.

Der Roman ist nicht nur eine Geschichte vom Erwachsenwerden in einer Zeit ohne Gewissheiten, sondern auch eine melancholische Spionageerzählung, eingebettet in eine unglaubliche Fülle von manchmal verstörenden und gleichzeitig faszinierenden Episoden.

Ein Lektüre, die die ganze Aufmerksamkeit des Lesers verlangt, der aber für diese Mühe reichlich belohnt wird.

(Cornelie Steidel)

 

 

Hanser Verlag, 24,00 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-446-25999-7

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27.08.2018

Minna Rytisalo

Lempi, das heißt Liebe

Der Debütroman der finnischen Autorin Minna Rytisalo, Jahrgang 1974, spielt in den letzten Jahren des Zweiten Weltkriegs in Lappland.

Die Kaufmannstochter Lempi heiratet schon kurz nach dem Kennenlernen den Bauern Viljami und zieht von der kleinen Stadt mit ihm auf den Hof. Zur Unterstützung von Lempi kommt die Magd Elli ins Haus. Das junge Paar verbringt einen sehr glücklichen Sommer auf dem Hof, doch dann wird Viljami eingezogen und muss im sogenannten Lapplandkrieg gegen die ehemaligen “Waffenbrüder” aus dem nationalsozialistischen Deutschland kämpfen. Im Jahr 1945 kehrt Viljami auf den Hof zurück, verzweifelt und gezeichnet von Kriegserlebnissen und Verlust, denn er hat erfahren, dass Lempi verschwunden, möglicherweise sogar tot ist. Die Magd Elli hält sich bereits wieder auf dem Hof auf, versorgt die beiden Söhne und erwartet ihn.

Interessant ist der Aufbau des Romans, denn die Hauptfigur Lempi kommt selber nicht zu Wort. Zunächst berichtet Viljami, was geschehen ist, dann spricht die Magd Elli und am Schluss erzählt Sisko, die Zwillingsschwester von Lempi. Jeder der drei Ich-Erzähler redet Lempi an und gibt tiefe Einblicke in sein Innenleben, jeder spricht mit seiner eigenen, starken Stimme. Aus ihren subjektiven Beschreibungen kann sich der Leser ein gewisses Bild von der Titelheldin machen, trotzdem bleibt sie letztlich geheimnisvoll. Warum wird sie so stark geliebt und warum so abgrundtief gehasst?

Ein eher stiller, aber emotional dichter und beeindruckender Roman. Die Konzentration auf wenige Menschen und ihr Erleben ist etwas Besonderes und bringt dem Leser nicht nur eine Liebesgeschichte sehr nahe, sondern lässt ihn nebenbei auch an der realen konfliktreichen Zeitgeschichte teilhaben.


(Cornelie Steidel)

Hanser Verlag, 21,00 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-446-26004-7

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04.06.2018

Johan Bargum

Nachsommer

Im Mittelpunkt der Geschichte, die auf einer Insel in Südschweden spielt, steht ein ungleiches Brüderpaar: Olof und Carl.                                                                                     

Als die Mutter im Sterben liegt, treffen sich die beiden Brüder nach vielen Jahren im Ferienhaus der Familie wieder, in dem sie als Kinder regelmäßig die Sommer verbracht haben. Olof, der ältere der Brüder, ist der Ich-Erzähler des Romans. Carl, der jüngere, hat früh das Elternhaus verlassen und ist nun mit seiner Frau Klara und seinen beiden Kindern aus Amerika angereist.

Der Vater von Olof und Carl starb früh und fortan steht Olof im Schatten seines jüngeren Bruders, der immer stärker, selbstbewusster und charmanter war und stets von der Mutter bevorzugt wurde. In vielen kurzen Rückblenden werden Szenen aus der Kindheit erzählt, die von Rivalitäten zwischen den Brüdern geprägt ist. Noch immer hat Olof Angst vor seinem dominanten Bruder, schon früh war er von Selbstzweifeln und Schuldgefühlen geplagt. Am Sterbebett der Mutter rekapituliert und hinterfragt Olof sein Leben und sinnt über vertane Chancen und nicht getroffene Entscheidungen nach. Sind diese dem eigenen Unvermögen geschuldet, oder sind die Ungerechtigkeiten, denen er von Seiten der Mutter ausgesetzt war, verantwortlich für seine persönlichen Unzulänglichkeiten? Und hätte sein Leben einen anderen Verlauf genommen, wenn er sein Phlegma überwunden hätte?


Die Erzählweise des finnisch-schwedischen Autors, Jahrgang 1943, ist klar und schnörkellos, das kleine Buch ist nur vermeintlich schnell gelesen, denn die melancholische und berührende Geschichte eines Spätsommers in der finnischen Schärenlandschaft stellt existenzielle Fragen und lässt den Leser nicht gleich wieder los. Die Frage “Weiß man eigentlich jemals, was vor sich geht?”, die zugleich auch der erste Satz des Buches ist, bleibt unbeantwortet .


(Cornelie Steidel)

 

Mare Verlag, 18,00 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-86648-260-9

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19.03.2018

Heinrich Steinfest

Die Büglerin

Vom Tag ihrer Geburt an führt Tonia Schreiber, die Heldin in Heinrich Steinfests neuestem Roman, ein Leben, das nicht der Norm entspricht. Geboren wird sie auf einer Segelyacht ihrer durch eine Erbschaft reich gewordenen Eltern, beide renommierte Botaniker, die mit ihrer Tochter die Weltmeere befahren.
Als Erwachsene lebt Tonia zusammen mit ihrer Halbschwester und deren Tochter Emilie in der elterlichen Villa in Wien. Als Emilie auf tragische Weise ums Leben kommt, fühlt sich Tonia für den Tod ihrer Nichte verantwortlich. Sie gibt ihr privilegiertes Leben als Meeresbiologin in ihrer Heimatstadt auf und geht mehr oder weniger mittellos nach Deutschland. In Heidelberg verdient sich Tonia Ihren Lebensunterhalt, in dem sie die Wäsche anderer Leute bügelt, was sie sehr sorgfältig und zuverlässig erledigt. Diese Aufgabe und ein sehr bescheidenes Leben hat sie sich selbst als Buße auferlegt.
Einige Jahre später erfährt Tonia durch Zufall mehr über den Menschen, durch dessen Kugel Emilie starb – war es ein Amokläufer oder ein Selbstmörder – und die zentrale Frage nach Schuld und Sühne stellt sich mehr denn je.

Auch wenn der Roman eine traurige und tragische Geschichte erzählt, so ist doch viel Lebensfreude und Humor zwischen den Zeilen versteckt. Mit Hingabe, genauer Beobachtung und Sprachwitz werden unzählige Details liebevoll beschrieben und die handelnden Personen sehr genau charakterisiert. Die Handlung ist verzweigt, manchmal faszinierend ausschweifend, aber nie verwirrend, sondern spannend geschrieben in einem anschaulichen und kreativen Schreibstil. Mich hat das Buch von Anfang an in seinen Bann gezogen, ein poetischer und berührender Roman.

(Cornelie Steidel)

 

Piper Verlag, 20,00 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-492-05663-2

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18.12.2017

Wilhelm Betz, Cornelie und Uwe Bogen

Stuttgarter Frauen - Charakterköpfe

Im zweiten Band der “Stuttgarter Charakterköpfe” aus dem Silberburg Verlag werden 57 Frauen porträtiert: jeder ganzseitigen Schwarzweißaufnahme steht ein ausführlicher Text gegenüber.
Für Stuttgart-Kenner sind die meisten Frauen keine Unbekannten. Das Cover zeigt zum Beispiel die Wirtin des legendären Kings Clubs und Kommunalpolitikerin Laura Halding-Hoppenheit. Aber auch weniger bekannte Frauen gilt es zu entdecken.

Der Fotograf Wilhelm Betz und die Autoren Uwe Bogen, der Redakteur bei den Stuttgarter Nachrichten ist und die Radiojournalistin Conny Mertz-Bogen haben eine subjektive Auswahl getroffen, die aber trotzdem ein weites Spektrum umfasst. Es geht um Frauen, die mit Stuttgart zu tun haben, dort arbeiten und auf ihre eigene Art das Leben in Stuttgart bereichern und prägen. Sie kommen aus Kultur, Politik, Wirtschaft, Sport oder Gastronomie. Exemplarisch seien die Chefinnen der vier großen Museen, die Politikerinnen Muhterem Aras und Nicole Hoffmeister-Kraut oder die Extrembergsteigerin Heidi Sand erwähnt.
Viele der ausdrucksstarken  Fotografien wurden in der gewohnten Umgebung der Porträtierten gemacht, also bei ihnen zu Hause oder an ihren Arbeitsstätten. Auch bei den weiblichen Charakteren hat der Fotograf auf Retusche oder Beleuchtungseffekte verzichtet, er will die Modelle in ihrer eigenen Ästhetik darstellen.

Die Texte sind informativ, und ich selbst finde es spannend über Frauen nachzulesen, die ich vielleicht vom Sehen oder sogar persönlich kenne oder deren Namen ich in der Presse lese und nicht genau weiß, wie sie aussehen. Ein Buch, das man immer wieder in die Hand nimmt und blättert und dabei viel Interessantes über ein vielfältiges und buntes Stuttgart erfährt.

Ein wunderschönes Geschenk.

(Cornelie Steidel)

 

Silberburg Verlag, 29,90 Euro
(inkl. MwSt., versandkostenfrei, Lieferzeit: ca. 2 Tage)
ISBN 978-3-8425-2047-9

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